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Verbrechen im Namen der "Ehre"

Was ist ein Verbrechen im Namen der Ehre?

Verbrechen im Namen der "Ehre" sind solche Verbrechen, die an Mädchen und Frauen begangen werden, die angeblich die "Ehre" der Familie oder Gemeinschaft beschädigt haben. Zur "Wiederherstellung der Ehre" wird der betroffenen Frau Gewalt angetan oder sie wird ermordet. Frauen, von denen vermutet wird, dass sie etwas getan haben, das als "unehrenhaft" angesehen wird, erhalten keine Möglichkeit, sich zu verteidigen. Für die Gewaltanwendung oder Tötung werden verschiedene Mittel angewandt: Die Opfer werden mit Säure übergossen, vergiftet, ihnen wird die Kehle durchgeschnitten, sie werden erschossen, erdrosselt, erdolcht oder mit Benzin übergossen und verbrannt.

Welche sind die Anlässe?

Die Kriterien, die bestimmen, welches Verhalten "die Ehre verletzt", sind in jeder betroffenen Gesellschaft etwas anders definiert. Insgesamt reicht das Spektrum des "die Ehre verletzenden" Verhaltens von Kinobesuch oder Blickaustausch oder Gesprächen mit Männern bis zu außerehelichen Verhältnissen oder Schwangerschaft. Auch Frauen und Mädchen, die gegen ihren Willen missbraucht oder vergewaltigt worden sind, werden teilweise als "Beschmutzerinnen der Ehre" der Familie angesehen.

Insgesamt kann festgehalten werden, dass jedes Verhalten, das die Jungfräulichkeit des Mädchens in Frage stellt (eingewilligte Sexualbeziehung, Vergewaltigung, Inzest, Gerüchte), die Tatsache, mit einem jungen Mann zusammen gesehen worden zu sein, eine als unanständig geltende Kleidung, ein spätes Nachhausekommen oder ein Telefongespräch mit einem Freund den Verdacht der Angehörigen schüren und Anlass für Ehrenverbrechen werden können.

Wer sind die TäterInnen?

Bei den TäterInnen handelt es sich in fast allen Fällen um nahe Verwandte - Vater, Bruder, Schwager - die den Gewaltakt oder den Mord durchführen. Häufig werden minderjährige Brüder der Frau vorgeschoben, um die Tat zu begehen. Aber auch Frauen sind in diesem Kreislauf - Ehre - Ehrverlust - Wiederherstellung - zu (Mit-)Täterinnen geworden. Der Täter wird häufig nach begangener Tat von seiner Familie wie ein Held gefeiert.

Vielfach ist der Druck der Gemeinschaft, des Dorfes oder des Clans auf die Familie so groß, dass sie sich gezwungen sehen, die "Ehre wieder herzustellen", um nicht aus der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt zu werden. Die Lebensgrundlagen ganzer Familien können von der "Wiederherstellung der Ehre" abhängen: Ein Ladeninhaber, der "seine Familienehre nicht wiederherstellt" kann zum Beispiel sämtliche KundInnen verlieren.

Häufig haben die Familien keine gesellschaftlich anerkannte Alternative, als die Ehre dadurch wiederherzustellen, das sie die Frau töten oder verstümmeln.

Wo werden diese Verbrechen begangen und wie verbreitet sind sie?

In nahezu allen Teilen der Welt und in allen soziokulturellen Milieus wird Mädchen und Frauen jeden Alters im Namen der "Ehre" Gewalt angetan. Jährlich werden nach einer Studie des UN-Weltbevölkerungsberichts rund 5000 Mädchen und Frauen in mindestens 14 Ländern im Namen der "Ehre" ermordet.
Die Dunkelziffer ist allerdings sehr viel höher, weil die wenigsten Fälle vor Gericht gebracht werden. Häufig wird der Mord als Unfall oder Selbstmord getarnt oder die Frauen werden gezwungen, Selbstmord zu begehen. In Bangladesch werden nach Angaben der "Acid Survivors Foundation" pro Jahr mehrere Hundert Säureattentate gegen Frauen gezählt, Tendenz steigend. Sie sowie die "Bangladesh National Women Lawyers Association" schätzen, dass nur ca. 10% der AttentäterInnen vor Gericht kommen. Inzwischen werden auch Einzelfälle von Säureanschlägen aus Indien, Pakistan, Myanmar und Kambodscha gemeldet.

Verbrechen im Namen der "Ehre" werden, obwohl sie kein religiöses Phänomen sind, zwar vor allem in islamischen Ländern begangen, sie sind allerdings nicht auf diese beschränkt. Verbrechen im Namen der Ehre finden auch in Brasilien, Ecuador, Italien etc. statt. Auch in Deutschland geschehen Verbrechen im Namen der Ehre innerhalb von MigrantInnenfamilien.

Es ist wichtig zu erkennen, dass Frauenhass - den es in allen Gesellschaften gibt - die Wurzel von Ehrverbrechen ist, und es sich dabei keineswegs um ein exotisches Phaenomen handelt. Letztlich erfuellt auch die in Deutschland taeglich vorkommende Gewalt gegen Frauen, etwa aus Eifersucht des Ex-Ehemannes gegenüber dem neuen Freund der Frau, die genannten Kriterien, weil auf dem Koerper der betroffenen Frau Kämpfe um männliche "Ehre" geführt werden. Trotz der Tatsache, dass sich die Anschuldigung der Opfer in den meisten Fällen als nichtig erweist (gemäß des Gerichtsmedizinischen Institutes in Jordanien wird bei Autopsien festgestellt, dass 80% der getöteten Mädchen unberührt sind), nimmt die Zahl der Tötungsdelikte im Nahen Osten, in Pakistan und Brasilien zu.

Was sollen diese Verbrechen bewirken?

Verbrechen im Namen der Ehre sind kein religiöses Phänomen. Keine Religion legitimiert diese schweren Menschenrechtsverletzungen oder schreibt sie gar vor. In patriarchalischen Gesellschaften, in denen Frauen als Besitztum ihrer männlichen Angehörigen angesehen und als Ware ausgetauscht werden, dient die Gewaltanwendung und Ermordung im Namen der "Ehre" der Aufrechterhaltung der Vormachtsstellung des Mannes und insbesondere der Kontrolle der Sexualität der Frau. Bei einem von den patriarchalischen Normen abweichenden Verhalten wird die Frau als eines Verbrechens schuldig und der Mann als Opfer angesehen, da er einen Verlust der "Ehre" erlitten hat. Er ist die in ihren Rechten verletzte Person, die die Sympathien der Gesellschaft genießt. Durch die Androhung von Gewalt und Tod werden Frauen zu einem bestimmten Verhalten gezwungen. Und andersrum dient das Konzept der "Ehre" darüber hinaus als Rechtfertigung für ein breites Spektrum gewalttätiger Verbrechen gegen Frauen und Mädchen.

Wie sieht die rechtliche Lage aus?

Häufig lassen die Behörden unverzügliche und gründliche Maßnahmen bei Anzeigen von Frauen wegen Vergewaltigung, sexuellen Angriffen oder anderer Gewalt innerhalb der Familie vermissen und die Täter müssen mit keinen oder nur geringen Strafen rechnen, denn der "Wiederherstellung der Ehre" wird in den betroffenen Gemeinschaften eine so große Bedeutung beigemessen, dass der Täter in der Regel mit Nachsicht rechnen kann. In einigen Ländern wie etwa Jordanien und Pakistan existieren spezielle Gesetze, die eine starke Strafmilderung oder sogar Freispruch für "Ehrenmörder" ermöglichen.

Diese Gesetze gelten allerdings nur für Männer: Frauen, die einen männlichen Verwandten töten, haben mit langen Gefängnisstrafen oder mit der Todesstrafe zu rechnen. Bisher schützen in einigen Ländern die Behörden Frauen, die in Gefahr sind, von ihren Verwandten getötet zu werden und die sich Hilfe suchend an die Polizei wenden, indem sie diese Frauen zu ihrer eigenen Sicherheit in Verwaltungshaft nehmen. In den vergangenen Jahren waren z.B. in Jordanien auf diese Weise stets rund 50 Frauen im Gefängnis, weil ihr Leben durch andere Familienmitglieder bedroht wurde. Zum Teil verbrachten diese Frauen mehrere Jahre in der Haftanstalt.

Berichte aus der ganzen Welt zeigen, dass Frauen in Gesellschaften, in denen die Sanktionen gegen Gewalt milde sind und vorhandene Sanktionen kaum durchgesetzt werden, in höherem Maß durch Gewalt gefährdet sind.

Verbrechen aus Ehre sind alles andere als ehrenwert. Sie sind Gewaltakte, nicht anders als die anderen gegen Frauen begangenen Verbrechen.

Was unternimmt Amnesty International?

Amnesty International setzt sich im Rahmen ihrer im März 2004 gestarteten globalen Kampagne "HINSEHEN & HANDELN: Gewalt gegen Frauen verhindern" für die Beendigung von Gewalt gegen Mädchen und Frauen, auch im Namen der "Ehre", ein. Dies geschieht z.B. im Rahmen der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, wie in einem Pressegespräch mit Angelika Pathak, der langjährigen Pakistan-Ermittlern in der internationalen Zentrale von amnesty international in London zu Morden im Namen der "Ehre".

Ferner betreibt Amnesty International Lobbyarbeit. So forderte Amnesty International z.B. den Bundeskanzler vor bestimmten Auslandsreisen dazu auf, sich energisch für die Menschenrechte und für die Beendigung der Gewalt gegen Frauen und Mädchen im Namen der "Ehre" einzusetzen.

Zudem veranstaltete Amnesty International im März 2005, gemeinsam mit terre des femmes und der Friedrich-Ebert-Stiftung, eine Fachtagung in Berlin zu Verbrechen im Namen der "Ehre" in Deutschland.\\\

Weiterführende Links und Informationen